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NICHT
ALLES TUN
Mujeres
Creando, Coco Fusco, Andrea Geyer/Sharon Hayes, h.arta,
Sandy Kaltenborn/ Pierre Maite, Nasan Tur
organisiert von Jens Kastner und Bettina Spörr
Eröffnung:
Freitag, 13. Juni 2008, 19 Uhr
Laufzeit:
14. Juni 26. Juli 2008
Praktiken
zivilen/sozialen Ungehorsams standen im Zentrum verschiedenster sozialer
Bewegungen des 20. Jahrhunderts: Von der antikolonialen Befreiungsbewegung
um M. K. Gandhi über die schwarze Bürgerrechtsbewegung in den
USA und die westeuropäische Friedensbewegung der 1980er Jahre bis
zu den Tute Bianche und Disobbedienti im Kontext der globalisierungskritischen
Proteste.
Die
vielfältigen Formen zivilen/sozialen Ungehorsams innerhalb gegenwärtiger
sozialer Bewegungen sind jedoch kaum aufgearbeitet. Noch schlechter bestellt
ist es um das Thema im Zusammenhang mit zeitgenössischer Kunst. Obwohl
sich renommierte KünstlerInnen in den letzten Jahren theoretisch
wie praktisch den Fragen gewidmet haben, ob und wie Kunstpraktiken zivilen
und sozialen Ungehorsam abbilden, reflektieren, diskutieren und selbst
Teil dessen werden können, existieren dazu kaum systematische Auseinandersetzungen.
Die
Ausstellung nicht alles tun möchte ein Versuch sein, diese Lücke
zu schließen.
Ausgangspunkt
ist dabei aber nicht das berühmte Diktum H. D. Thoreaus, angesichts
von Unrecht und Unterdrückung das Gesetz zu brechen. Denn wenn der
Staat sich biopolitisch in die individuellen Körper verlegt und zugleich
eine Transnationalisierung erfährt, müssen auch die Formen des
Widerstandes sich wandeln. Was zu tun ist, wenn man, wie Thoreau nebenbei
bemerkt, nicht alles tun kann und soll, lässt sich in
Auseinandersetzung mit den Arbeiten in der Ausstellung an den Schnittstellen
von Kunstproduktion und sozialen Bewegungen diskutieren.
Zur
Ausstellung erscheint ein Buch auf Deutsch und Englisch (Hg. von Jens
Kastner und Bettina Spörr) im Unrast Verlag (Münster 2008).
Mit Beiträgen von Inke Arns, John Holloway, Jens Kastner/Gerald Raunig,
Ulrike Laubenthal, Lou Marin und Andrea Pabst.
Mit
freundlicher Unterstützung des Vereins zur Förderung von Kunst
und Kultur am Rosa-Luxemburg-Platz e.V.
Nicht
alles tun
ist die letzte Ausstellung, die in :emyt zu sehen sein wird. Lilian Engelmann,
die Gründerin und Leiterin des nicht-kommerziellen Kunstraumes, nimmt
ab September am Curatorial Programme des De Appel Arts Center in Amsterdam
teil und schließt :emyt ab August 2008.
Künstler/Innen:
Büro
Bildwechsel
Sandy Kaltenborn/Pierre Maite
Leben und arbeiten in Berlin.
Diverse Plakate, 2006-2008.
"Ichstreik.
Prekarität, Arbeit und Alltag" - eine Losung, die zu ungehorsamem
Verhalten ebenso aufruft wie darüber sinniert. Platziert war sie
auf dem Plakat einer Serie, die das Büro Bildwechsel (image-shift)
zum Mayday 2008, der Mobilisierung des so genannten Prekariats zum 1.
Mai in enger Zusammenarbeit mit dem Maydaybündnis entworfen hatte.
Das Büro Bildwechsel existiert nunmehr seit zehn Jahren. Kommunikations-
und Grafik-Design stehen hier im Zeichen sozialer und politischer Kämpfe
und Diskurse, sowohl politische Initiativen als auch soziale
und kulturelle Institutionen gehören zu ihren AuftraggeberInnen.
Kaltenborn und Maite entwickeln grafische Lösungen nicht nur zu bestimmten
Anlässen wie Veranstaltungen, Festivals oder politischen Kampagnen.
Auch Bücher, Plakate und Webseiten gehören zu ihren Arbeiten,
die häufig in enger Zusammenarbeit mit ihren jeweiligen "KundInnen"
entstehen. Sie verstehen ihre angewandte Kunst nicht als Dienstleistung,
sondern als Teil einer kommunikativen Praxis. Gestaltung wird hier immer
als ein gesellschaftliches Gestalten begriffen. Deren ambivalente Funktion
wird immer schon mit reflektiert, mit der Adressangabe "Büro
für Gestaltung und weitere Unwegbarkeiten" sprechen Bildwechsel/image-shift
gleichsam sich selbst und die anderen an, ohne übertriebenes Vertrauen
in gegenseitiges Verständnis. Als Zeichen des Bewusstseins gegenüber
den eigenen Verwobenheiten, findet sich in einer Bildergalerie auf der
Homepage neben der Werbung für den legalen Aufenthaltsstatus von
Flüchtlingen auch ein buntes Kärtchen mit der Aufschrift "Trust
me, I'm a Designer".
Coco
Fusco
Lebt und arbeitet in New York
"a/k/a Mrs. George
Gilbert", Video, 2004.
Coco Fusco setzt sich
in Videos, Multimedia-Performances und zahlreichen Publikationen mit rassischer
und sexueller Diskriminierung auseinander. In einer Reihe von Arbeiten
hat sie sich mit der problematischen Situation an der Grenze zwischen
Mexiko und den USA in Bezug auf illegale Einwanderung einerseits und die
Ausbeutung billiger Arbeitskräfte andererseits beschäftigt.
In dem teilweise fiktiven, teilweise auf historischem Dokumentationsmaterial
basierenden Video "a/k/a Mrs. George Gilbert" (2004) setzt sich
Fusco mit der Geschichte der afroamerikanischen Bürgerrechtlerin
und Philosophin Angela Davis auseinander. Davis, damals Dozentin für
Philosophie an der Universität von Kalifornien, wurde 1970 aufgrund
ihrer Mitgliedschaft in der Black-Panther-Partei verhaftet. Darüber
hinaus thematisiert die Arbeit die systematische Überwachung und
Bespitzelung schwarzer Intellektueller und AktivistInnen in den 1960er
und 1970er Jahren in den USA, die in der schwarzen Bürgerrechtsbewegung
aktiv waren oder dessen verdächtigt wurden.
Andrea
Geyer/Sharon Hayes
Andrea Geyer, * 1971 in Freiburg, lebt und arbeitet in New York.
Sharon Hayes, * 1970 in Baltimore, USA, lebt und arbeitet in New York.
"In Times Like
These Only Criminals Remain Silent", Posterprojekt, 2005.
Andrea Geyer und Sharon
Hayes thematisieren in ihrer gemeinsamen Arbeit die anscheinend zeitlose
und ortsungebundene Protestform Demonstration. So wie die Konturen der
Demonstrierenden auf der einen Seite dazu drängen, gefüllt zu
werden, sind die Rückseiten der Poster mit dicht gedrängten
Fragen beschrieben: Dabei werden ebenso grundsätzliche ("Who
do you speak for?") wie die Grenzen des Politischen überschreitende
Fragen gestellt ("Do I feel at home?"). Die Erkundung der Räume
des Politischen verbindet die Arbeiten beider Künstlerinnen ebenso
wie ihre queer-feministische Perspektive.
Sharon Hayes arbeitet an den Schnittstellen verschiedener Medien wie Video,
Performance und Installation. Im Mittelpunkt ihrer künstlerischen
Produktion stehen dabei individuelle und kollektive Kollektivierungsweisen,
zu deren Untersuchung sie sich nicht nur originär künstlerischer,
sondern auch akademischer Methoden bedient.
Andrea Geyer kombinierte in den verschiedenen Teilen ihrer Arbeit "Spiral
Lands" (2007/2008) Fotostrecken US-amerikanischer Landschaften mit
fiktiven Reiseberichten und, im zweiten Teil, dem aufgeführten Vortrag
eines Ethnologen. In Verknüpfung unterschiedlicher Techniken widmet
sich Geyer der Wissensproduktion mittels künstlerischer Praktiken,
den Wahrheitsdiskursen mittels bildnerischer Techniken, aber auch den
Mechanismen der Sichtbarmachung und der ihnen zu Grunde liegenden sozialen
Herrschaft.
Beide Künstlerinnen haben an zahlreichen Ausstellungen in Nord- und
Südamerika sowie West- und Osteuropa teilgenommen, u. a. in Kooperation
mit David Thorne, Katya Sander und Ashley Hunt auch an der Documenta 12.
h.arta
Anca Gyemant, * 1977 in Oradea, Rumänien.
Rodica Tache, * 1977 in Pite?ti, Rumänien.
Maria Crista, * 1976, Timi?oara, Rumänien.
Rumänische Künstlerinnengruppe, gegründet 2001, in Timi?oara
und Bukarest.
"NATO Meeting
(d'après Ion Grigorescu)", Performance, 2008.
Während des NATO-Gipfels,
der vom 2. bis 4. April 2008 in Bukarest stattfand, liefen die drei Künstlerinnen
durch die anlässlich des Treffens von Elend und Devianz gesäuberte
Stadt. Ausgestattet waren sie mit Anti-NATO-Merchandise: Sprüche
auf Tragetaschen und T-Shirts ließen keinerlei Zweifel an ihrer
antimilitaristischen Haltung. Auf den Fotos, die sie bei dieser Tour durch
die
rumänische Hauptstadt gegenseitig von sich machten, sind wie zufällig
Polizisten in zivil zu sehen. Die Alltäglichkeit der Überwachung
wird in Rumänien eigentlich mit dem kommunistischen Regime assoziiert:
Der Künstler Ion Grigorescu hatte 1975 auf einer von der Partei organisierten,
"spontanen Versammlung" die sich wie zufällig am Rande
aufhaltenden Geheimpolizisten fotografiert.
Wie in dieser Performance haben h.arta in ihrer Arbeit bereits auf verschiedenen
Ebenen künstlerische und aktivistische Interventionen miteinander
verknüpft. Der öffentliche Raum war dabei ebenso Gegenstand
ihrer Auseinandersetzung wie die Institutionen der Kunstausbildung.
Mujeres
Creando
gegründet 1992, aktiv in La Paz, Bolivien.
Diverse Performances,
1996-2005, Video.
Gegen die fortdauernden
Effekte der Militärdiktatur von Hugo Banzer - Diktator Boliviens
1971-1978 und erneut Präsident des Landes 1997-2002 - gingen die
Mujeres Creando verschiedentlich auf die Straße: In einer Performance
fließt Blut über einen Platz, symbolisch das Blut der Verschwundenen
und Gefolterten, bis die Akteurin in einer mit dramatischer Musik unterlegten
Szene von der Polizei abgeführt wird. Die höhnischen Kommentare
des Publikums nehmen die Mujeres Creando immer schon selbst vorweg, zu
ihrem Standardensemble gehört die inszenierte Bürgerin, die
sich mokiert.
Das feministische Kollektiv betreibt ein kulturelles Zentrum namens "Virgen
de los Deseos" ("Jungfrau der Wünsche") in La Paz
und hat verschiedene Performances und Filme gemacht, die alle im bolivianischen
Fernsehen liefen. (Im deutschsprachigen Raum waren sie bisher nur in der
feministischen Sendung an.schläge TV auf dem Wiener Community-Sender
Okto zu sehen.) "Wir machen Politik und keine Kunst", schreiben
die Mujeres Creando in einem ihrer vielen Texte, "und unser Raum
für die Konstruktion von Gedanken und Kommunikation ist die Straße."
Im öffentlichen Raum platzieren sie immer wieder Graffitis mit feministischen
Sprüchen in bunten Lettern. Einer dieser an die Mauern von La Paz
gemalten Slogans lautet: "Ungehorsam, deinetwegen bin ich glücklich".
Nasan
Tur
* 1974 in Offenbach, lebt und arbeitet in Berlin.
"Backpacks",
2006, Installation.
Eine Gruppe von Rucksäcken
ist in einem Raum platziert. Aber es sind keine herkömmlichen Reiseutensilien,
die hier zum Transport bereit liegen. Nasan Tur hat verschiedene Varianten
von Ausrüstungen zusammengestellt, die AktivistInnen und andere Teilnehmer
von Demonstrationen für ihr Tun verwenden können. Die BetrachterInnen
sind aufgefordert, sich die je nach Anlass adäquaten Rucksäcke
auszuborgen. Damit greift Nasan Tur nicht nur das Klischee vom "Krawalltourismus"
auf. Er verbindet zudem seine Installation to go mit einem aktivierenden
Moment. Die Performance, die erwartet wird, muss selbst gemacht werden.
Nasan Tur arbeitet mit verschiedenen technischen Mitteln. Formale wie
politische Anliegen entbehren dabei selten einer ironischen Note: ob sich
ein Protagonist Purzelbäume schlagend durch eine belebte Innenstadtstraße
bewegt oder der Künstler einen Balkon samt Mikro und Boxen zur Verfügung
stellt, damit jede/r, der/die will, endlich mal "allen" sagen
kann, was er oder sie immer schon mal sagen wollte.
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